Ganzheitlich-ästhetische Zahnmedizin

 

  80 Prozent der Bevölkerung haben in geringem bis dramatischem Ausmaß mit entzündlichen Zahnbetterkrankungen zu kämpfen — Männer mehr als Frauen. Über zehn Prozent davon leiden unter chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD). Die Zusammenhänge zwischen COPD und Parodontitis (PA) sind nun in aktuellen Studien nachgewiesen.
    Von Dr. Lena Kertag
 

 
Entzündungen verschiedener Organe bedingen und verstärken sich wechselseitig. Erkrankungen des Zahnhalteapparats (Parodontitis) sind dauerhafte Eingangspforten für pathogene Erreger, die dann nicht nur zu Zahnverlust führen, sondern auch Entzündungsreaktionen im ganzen Organismus hervorrufen können.
 

Unsachgemäß verwendete Schrauben von Implantaten, die rosteten und Zahnfleischrückgang und Wundheilungsstörungen auslösten. Fotos: Dr. Ilse-Phil Weber

Unsachgemäß verwendete Schrauben von Implantaten, die rosteten und Zahnfleischrückgang und Wundheilungsstörungen auslösten.
Foto: Dr. Ilse-Phil Weber


 
Wie in den letzten Jahren festgestellt wurde, sind Parodontitisbakterien (Mit-)Ursachen für Herzinfarkt, rheumatische Erkrankungen und anderes mehr. Nun gibt es eine neue Warnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Sie verschlimmern auch COPD (= Chronic Obstructive Pulmonary Desease).
Die WHO erwartet, dass bis 2020 COPD die dritthäufigste Todesursache nach Schlaganfall und Herzerkrankungen sein wird. Im Gegensatz zu Asthma ist bei COPD die Zerstörung dauerhaft, die Häufigkeit von kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes und bösartigen Tumoren ist erhöht. Daneben ist COPD ein eigenständiger kanzerogener Faktor.
 
Durch die Inhalation von schädigenden Gasen (90 Prozent sind Raucher) und Partikeln (z. B. bei Wohnungsrenovierung mit Lacken und Farben) kommt es zum Einstrom verschiedener Immunabwehrzellen wie Makrophagen, die wie bei der chronischen Parodontitis (PA) große Mengen des Tumornekrosefaktors (TNFa) produzieren – die COPD wird verstärkt. Ein Raucher erkrankt zudem siebenmal häufiger an PA als ein Nichtraucher. Parodontalpathogene Erreger fließen aus dem Zahnfleischsaum in den Speichel und gelangen weiter in die unteren Atemwege.
 
 

Was kann man tun?

Neben einer guten Mundhygiene mit professioneller Zahnreinigung alle drei bis vier Monate muss die Immunabwehr gestärkt werden. Darunter fallen eine eventuelle Darmsanierung (laut einer Masterstudie ist eine gestörte Dünndarmfunktion bei PA-Patienten signifikant häufiger), Ernährungsumstellung, Stressvermeidung, aber auch Anwendungen wie Ozontherapie, homöopathische und orthokulare Medizin.
 
Gerade bei älteren Menschen in geriatrischen Einrichtungen wird die Professionelle Prophylaxe oft vernachlässigt. Dabei haben regelmäßige zahnärztliche Behandlung und Professionelle Prophylaxe positive Auswirkungen auf Erkrankungen wie Diabetes und dienen der Vorbeugung verschiedener anderer Krankheiten. Ebenfalls wichtig: Bei PA-Patienten sollten Zähne möglichst lange erhalten werden, denn die eigenen Zähne haben immer eine bessere Prognose als Implantate.
 
 

Nachgefragt

Über Parodontitis sprach TOPFIT mit der Zahnärztin Dr. Ilse-Phil Weber.
 

Frau Dr. Weber, kann die Prognose für PA-Patienten durch Professionelle Prophylaxe verbessert werden?

Dr. Weber: Ganz sicher. Denn dazu gehören nicht nur die Reinigung von Zähnen, Zunge und Wurzelansatz, sondern bei ganzheitlich arbeitenden Zahnmedizinern auch eine Anamnese und Austestung von anderen Erkrankungen bzw. Grunderkrankungen des Patienten. Oft muss z. B. das Immunsystem gestärkt werden. Pathogene Bakterienbelastungen entstehen u. a. in einem kranken oder gestörten Darmmilieu.
Metalle im Mund sind immer ein Problem. Titanimplantate können zu einer sogenannten Periimplantitis führen. Allergien belasten die Mundflora. Sogar minimale Beinlängendifferenzen wirken sich auf den Kauapparat aus.
 
 

Sie plädieren für Zahnerhalt. Aber sind wacklige Zähne die Alternative?

Dr. Weber: Bisweilen sind Zähne nicht mehr zu retten, doch im Vorfeld lässt sich noch sehr vieles tun — übrigens auch ästhetisch. Man kann die langen, unschönen Zahnhälse bei PA »schienen« und sie so stabilisieren. Eigene Zähne haben einfach die bessere Prognose als Implantate oder andere Prothesen.
Zudem überprüfen wir alle Zahnmaterialien auf ihre Verträglichkeit beim Patienten. Wir legen Wert auf biokompatible, für Allergiker geeignete Komposite für Füllungen, Schienungen sowie Vollkeramik bei Kronen, Brücken und Inlays.
 
 

Welche alternativen Behandlungsmethoden setzen Sie ein?

Dr. Weber: Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Parodontitis kein isoliertes Krankheitsbild ist, sondern eine systemische Erkrankung — mit negativen Auswirkungen auf die Gesamtgesundheit.
Neben der Kürettage und Reinigung von Zahnfleischtaschen suchen wir ganz individuell nach Alternativen, etwa Ernährungsumstellung, antibiotisch wirkende Homöopathika u. a. Mit der rechtzeitigen und richtigen Behandlung kann der PA fast immer Einhalt geboten werden.
 
 

PA ist nicht nur, aber auch ein Altersphänomen …

Dr. Weber: … Es gibt auch eine genetische Disposition, aber PA hat natürlich mit dem Alter zu tun. Das Motto des letzten Bayerischen Zahnärztetages lautete daher: Biss im Alter. Neben vielfältigen Prothesenstabilisierungen (z. B. Miniimplantate, spezielle Unterfütterungen etc.) steht das Thema »Prophylaxe und Parodontitis« an erster Stelle. Es gibt z.B. eine Wechselwirkung bei Patienten mit schlecht eingestelltem Diabetes. Eine PA-Behandlung kann den Blutglukosespiegel senken und ebenso der Arteriosklerose und Herzerkrankungen vorbeugen. Fazit: Auch und gerade im Alter ist die Prophylaxe essentiell.
 
 

Zur Person

Dr. med. dent. Ilse-Phil Weber betreibt seit 1992 eine Praxis für ganzheitlich-biologische Zahnmedizin und Ästhetik in München-Sendling (Kassen und privat). Sie ist auch in Homöopathie und in Akupunktur ausgebildet und qualifiziertes Mitglied der GZM (Internationale Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin e. V.). Laufend Fortbildungen in zahnärztlicher Naturheilkunde und ästhetischer Zahnmedizin (u. a. in Hamburg, Berlin, Würzburg, New York und Las Vegas). Frau Dr. Webers Schwerpunkte sind ganzheitlich-biologische Zahnmedizin und vor allem ästhetische metallfreie Restaurationen.
Sie ist qualifiziert in Umweltzahnmedizin und zertifiziert in ästhetisch-biologischer Falten- und Papillenunterspritzung bei Lippen und Mund.
 
 
Infos: www.zahnarztpraxis-dr-weber.de
 
 


 

Parodontitis - Ursachen, Folgen und Zusammenhänge

(TopFit 1/2015, Jg. 15, S. 15)

 

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